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Warum Kinder Süßigkeiten lieben – und warum das ganz normal ist

  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit

Viele Eltern erleben es Tag für Tag: Kaum ist die Mahlzeit vorbei, fragt das Kind: „Gibt’s was Süßes?“ Oder die Frage wird schon vor dem Frühstück gestellt. Für manche fühlt sich das nach einem ständigen Machtkampf an – zwischen dem Wunsch, das Kind gut zu versorgen, und der Sorge, es könnte sich ungesund ernähren.


Doch: Die Liebe zum Zucker ist kein Zeichen von Schwäche – sondern biologisch, entwicklungspsychologisch und sozial erklärbar.




  1. Die Vorliebe für Süßes ist angeboren

Bereits Neugeborene reagieren auf süßen Geschmack mit Entspannung und Zufriedenheit – eine Reaktion, die in vielen Studien beobachtet wurde (z. B. Steiner, 1977). Diese Vorliebe ist evolutionär sinnvoll: In der Natur war süßer Geschmack ein Hinweis auf essbare, energiereiche und ungiftige Lebensmittel – zum Beispiel reifes Obst oder Muttermilch.

Die Natur hat Kinder also so ausgestattet, dass sie gezielt nach energiereichen Lebensmitteln greifen, wenn sie diese benötigen – ein ausgeklügelter Schutzmechanismus in Zeiten, in denen Nahrung nicht immer verfügbar war.


  1. Kinder brauchen mehr Energie, als wir denken

Ein besonders spannender Aspekt: Kinder haben im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht einen viel höheren Energiebedarf als Erwachsene.


Ein Beispiel: Ein 1-jähriges Kind benötigt ca. 95–100 kcal pro kg Körpergewicht – ein Erwachsener dagegen nur etwa 30–35 kcal pro kg.

Das bedeutet: Obwohl ein Kleinkind viel kleiner ist, verbraucht es relativ gesehen dreimal so viel Energie pro Kilogramm!

Das liegt daran, dass:

  • der Körper intensiv wächst,

  • das Gehirn viel Energie benötigt,

  • Kinder den ganzen Tag in Bewegung sind,

  • und ihre Organe in voller Aktivität arbeiten.


Da der Magen noch klein ist, kann nicht viel auf einmal gegessen werden. Energiedichte Lebensmittel – also solche, die auf kleinem Raum viel Energie liefern – werden daher ganz natürlich bevorzugt. Und süße Speisen erfüllen genau dieses Kriterium.


 3. Zucker & Esskultur

Neben der biologischen Vorliebe spielt auch die soziale Bedeutung von Süßem eine große Rolle. In unserer Kultur ist Zucker oft mit positiven Gefühlen verbunden:

  • Geburtstage: Der Kuchen ist das Highlight.

  • Feiern: Ein Eis gehört für viele zum Freibadbesuch dazu.

  • Familienrituale: Omas Marmorkuchen am Sonntag hat einen festen Platz.


Diese Verbindungen sind Teil unserer Esskultur – sie zeigen, dass Süßes auch emotionale und soziale Funktionen erfüllt. Das ist nicht per se problematisch, solange es eingebettet bleibt in ein vielfältiges, liebevolles Miteinander.


Problematisch wird es jedoch, wenn Süßigkeiten gezielt zur Belohnung oder zum Trösten eingesetzt werden – etwa als Ersatz für Zuwendung („Wenn du weinst, bekommst du ein Gummibärchen“) oder zur Verhaltenssteuerung („Du bekommst ein Eis, wenn du still warst“). In solchen Fällen kann sich ein ungünstiges Muster entwickeln, bei dem Essen zur Emotionsregulation oder zum Zeichen für Anerkennung wird.


Deshalb ist es hilfreich, Süßes nicht zu instrumentalisieren, sondern genussvoll und bewusst als Teil des Alltags zu integrieren – ohne starke moralische oder emotionale Aufladung.


 4. Was passiert bei strengen Verboten?

Viele Eltern versuchen, den Zuckerkonsum zu regulieren – aus gut gemeinter Absicht und Sorge um die Gesundheit.

Doch strikte Regeln oder moralische Bewertungen („Das ist schlecht“, „Davon wirst du dick“) können zu unerwünschten Nebenwirkungen führen:

  • Heimliches Essen aus Scham oder Trotz

  • Starke Fixierung auf Süßes, sobald es verfügbar ist

  • Schwarz-Weiß-Denken beim Essen („gesund“ vs. „ungesund“)

Ein entspannter, vertrauensvoller Umgang hilft Kindern viel mehr, sich selbst zu regulieren – und langfristig eine gesunde Beziehung zum Essen zu entwickeln.




5 Tipps für den Alltag – liebevoll & alltagstauglich


1. Süßes darf dazugehören

Statt es zu verteufeln, integriere Süßes bewusst – z. B. als Nachspeise oder Teil der Nachmittags-Jause. So verliert es seinen Reiz als Verbotenes.


2. Sprich neutral über Lebensmittel

Vermeide Begriffe wie „schlecht“ oder „Dickmacher“.

Stattdessen: „Davon wird man schnell satt“ oder „Das schmeckt süß und gibt Energie“.


3. Biete regelmäßig ausgewogene Mahlzeiten an

Wenn Kinder eine regelmäßige Mahlzeiten-Struktur und eine schöne, zugewandte Zeit am Familientisch erleben, fühlen sie sich sicher und gesehen. Das stärkt ihr Vertrauen ins eigene Hunger- und Sättigungsgefühl – und reduziert das Bedürfnis nach ständiger Zwischenverpflegung oder übermäßigem Verlangen nach Süßem.


4. Feste dürfen gefeiert werden - mit Kuchen!

Süßes als Teil von Festen und Ritualen gehört zum unserer Kultur und unserem Leben dazu – ohne schlechtes Gewissen.


5. Vertraue in die Selbstregulation deines Kindes

Kinder sind kompetente Esser, wenn sie nicht unter Druck stehen oder sich ständig eingeschränkt fühlen. Dann fällt es den Kindern auch leichter, auf ihre Körpersignale zu hören und ihnen zu Vertrauen.


Vielleicht merkst du beim Lesen: Da ist noch Unsicherheit. Noch viele Fragezeichen.

Wenn du dir bei diesem Thema mehr Orientierung und konkrete Impulse wünschst, dann könnte unser Onlinekurs „Hilfe, mein Kind will nur Süßes“ genau die richtige Begleitung für dich sein.



Fazit: Zucker ist kein Feind

Kinder lieben Süßes. Das ist kein Erziehungsfehler und auch keine Charakterschwäche. Es ist so, weil ihr Körper und ihre Psyche es so vorsehen. Wenn wir das verstehen, können wir ihnen helfen, genussvolle, entspannte und selbstbestimmte Esser*innen zu werden – und Süßigkeiten zu dem machen, was sie sein dürfen: ein unbeschwerten Teil der Kindheit. Der bestenfalls bis ins Erwachsenenalter unbeschwert bleiben darf.



 Literatur & wissenschaftliche Quellen

  • Butte, N. F., Wong, W. W., Hopkinson, J. M., Heinz, C. J., Mehta, N. R., & Smith, E. O. (2000). Energy requirements derived from total energy expenditure and energy deposition during the first 2 y of life. American Journal of Clinical Nutrition, 72(6), 1558–1569.

  • Birch, L. L., Fisher, J. O., & Davison, K. K. (2003).Learning to overeat: Maternal use of restrictive feeding practices promotes girls’ eating in the absence of hunger. The American Journal of Clinical Nutrition, 78(2), 215–220.

  • Birch, L. L., & Fisher, J. O. (1998).Development of eating behaviors among children and adolescents. Pediatrics, 101(3), 539–549.

  • Steiner, J. E. (1977).Facial expressions of the neonate infant indicating the hedonics of food-related chemical stimuli. In J. M. Weiffenbach (Ed.), Taste and Development: The Genesis of Sweet Preference (pp. 173–188). U.S. Government Printing Office.

  • Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE) & Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE). (2022).D-A-CH Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Bonn: DGE Verlag.

  • Satter, E. (2000).Child of Mine: Feeding with Love and Good Sense. Bull Publishing.



 

 
 
 

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