Bedürfnisorientierte Ernährung: Orientierung und Werte anstatt starren Regeln.
- Ingrid Pfaffinger

- 6. Feb.
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. Aug.

Beim Begriff „Ernährung“ denken viele Menschen zuerst an die Versorgung mit Nährstoffen, Vitaminen und Kalorien.
Doch Ernährung ist weit mehr als eine rein physiologische Notwendigkeit.
Sie ist ein kulturelles Thema: Traditionelle Speisen, familiäre Rezepte und Essgewohnheiten prägen unser Verständnis davon, was und wie wir essen. Ernährung ist zudem mit gesellschaftlichen Trends und Werten verbunden – sei es die Entscheidung für eine vegetarische oder vegane Lebensweise oder die wachsende Bedeutung von Nachhaltigkeit in der Lebensmittelauswahl (Barlösius, 2019).
Aber vor allem weckt Ernährung auch emotionale Assoziationen – von Genuss und Freude bis hin zu möglichen Schuldgefühlen.
Diese Schuldgefühle können dazu führen, dass Essen als etwas Problematisches wahrgenommen wird, anstatt es als Quelle der Zufriedenheit und des Wohlbefindens zu genießen (Tylka et al., 2014).
Muss Ernährung wirklich mit Schuldgefühlen verbunden sein?
Viele Menschen fühlen sich unter Druck gesetzt, sich „perfekt“ oder „gesund“ zu ernähren – doch allein die Definitionen dieser Begriffe sind hochgradig subjektiv. Was bedeutet gesund? Ist eine nachhaltige Ernährung automatisch die beste für jede Person?
Fakt ist: Ernährung ist individuell. Was für dich passt, muss nicht für dein Kind oder deine Familie passend sein. Und was für dein Kind passt, gilt nicht automatisch für ein anderes Kind.
Auch Kinder haben andere Ernährungsbedürfnisse als Erwachsene. Ihr Essverhalten wird von biologischen Entwicklungsphasen, Sinneswahrnehmung und emotionaler Regulation beeinflusst (Birch & Fisher, 1998). Während Erwachsene oft nach gesellschaftlichen Normen essen, folgen Kinder natürlicherweise ihren inneren Signalen – wenn man sie lässt.
Bedürfnisorientierte Ernährung: Ein ganzheitlicher Blick aufs Essen
Der Begriff bedürfnisorientierte Ernährung (BOE) wurde im deutschsprachigen Raum von unserer Arbeit (seit 2022) geprägt. Er beschreibt einen Ansatz, der ernährungswissenschaftliche Grundlagen mit entwicklungspsychologischen und bindungstheoretischen Perspektiven verknüpft und dabei die individuellen Lebensrealitäten und Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt.
BOE bedeutet, verschiedene Faktoren zu berücksichtigen, die die Lebensmittelauswahl und das Essverhalten beeinflussen – von der Körperwahrnehmung über emotionale Bedürfnisse bis hin zu sozialen und kulturellen Aspekten.
Dabei spielen folgende 5 Werte eine zentrale Rolle:
1.Vielfalt und Lebensrealitäten respektieren
Menschen essen unterschiedlich – geprägt durch Herkunft, Kultur, Körper, Neurobiologie, Erfahrungen und Lebensumstände. Bedürfnisorientierte Ernährung (BOE) erkennt diese Vielfalt an, ohne sie zu bewerten oder zu normieren. Denn, wer sich mit seiner Lebensrealität – sei es kulturell, sprachlich, körperlich oder sozial – im Ernährungssystem nicht wiederfindet, erlebt häufig Ausschluss, Unsicherheit oder Anpassungsdruck.
Statt allgemeingültiger Empfehlungen geht es um die Berücksichtigung individueller Bedürfnisse: Alter, Aktivitätsniveau, gesundheitliche Situation, Geschmacksvorlieben und kultureller Hintergrund bestimmen mit, was für jemanden passt.
Der Fokus liegt auf praktikablen und nicht stigmatisierenden Maßnahmen, die auf Gesundheitsförderung ausgerichtet sind – nicht auf die Anpassung an gesellschaftliche Schönheitsideale oder dominante Ernährungstrends.
Damit wird auf folgende Bedürfnisse Rücksicht genommen: Sicherheit, Orientierung und Zugehörigkeit
2. Bedürfnisse und Gefühle ernst nehmen
Neben dem physiologischen Hunger spielen emotionale, soziale und psychologische Bedürfnisse eine zentrale Rolle beim Essen – etwa nach Zugehörigkeit, Autonomie, Regulation oder Sicherheit.
Bedürfnisorientierte Ernährung achtet diese Bedürfnisse als integralen Bestandteil eines gesunden Essverhaltens – bei Kindern wie Erwachsenen. Auch emotionale und soziale Aspekte des Essens haben Platz: Trost, Gemeinschaft, Freude – sie gehören zur Esskultur.
Auch ein entpathologisierender Umgang mit emotionalem Essen hilft, Bedürfnisse zu erkennen und langfristig gesunde Muster zu entwickeln. Studien zeigen, dass emotionales Essen häufig eine verständliche Copingstrategie darstellt (Macht, 2008). Problematisch wird es insbesondere dann, wenn Menschen – wie häufig bei Essstörungen – über keine funktionalen Alternativen zur Emotionsregulation verfügen (Svaldi et al., 2012). Eine moralisierende oder stigmatisierende Sichtweise kann kontraproduktiv wirken und die Entwicklung gesunder Muster behindern (Puhl & Suh, 2015).
Damit wird auf folgende Bedürfnisse Rücksicht genommen: Bindung, Selbstwirksamkeit und Regulation
3. Verbindung zum eigenen Körper stärken
Ein zentrales Element der bedürfnisorientierten Ernährung ist das Erkennen und Respektieren von Hunger- und Sättigungssignalen.
Interozeptive Wahrnehmung – also die Fähigkeit, innere Körpersignale zu spüren – ist zentral für eine gesunde Selbstregulation. Sie betrifft nicht nur Hunger und Sättigung, sondern auch Emotionen und Bedürfnisse.
Kinder haben noch eine sehr feine Wahrnehmung für ihre Körpersignale. Sie essen oft intuitiver als Erwachsene – bis gesellschaftliche Einflüsse, wie Regeln („Iss deinen Teller auf!“) oder moralische Bewertungen von Lebensmitteln, ihre Selbstregulation beeinflussen.
Eltern können Kinder durch Co-Regulation und eine responsive Ernährungserziehung darin unterstützen, ihre Körperwahrnehmung zu erhalten und zu entfalten. Responsive Feeding – also die achtsame Reaktion auf kindliche Hunger- und Sättigungssignale – stärkt nachweislich die Selbstregulation beim Essen und unterstützt die Fähigkeit, auf eigene Bedürfnisse zu hören (Fisher et al., 2002).
Wenn Bezugspersonen nicht moralisieren oder kontrollieren, sondern Kinder in ihrer Wahrnehmung begleiten, fördern sie so nicht nur ein positives Körpergefühl, sondern auch gesunde, selbstbestimmte Essmuster.
Damit wird auf folgende Bedürfnisse Rücksicht genommen: Selbstwahrnehmung, Selbstwert und Selbstwirksamkeit
4. Genuss und Flexibilität ermöglichen
Essen soll Freude bereiten. Genuss wird oft vernachlässigt, wenn Essen ausschließlich nach Nährwerten beurteilt wird. Die intuitive Ernährung zeigt, dass eine entspannte Haltung gegenüber Lebensmitteln langfristig zu einer besseren Ernährungsweise beiträgt (Tylka & Kroon Van Diest, 2013).
Kinder erleben Essen als sinnliches und spielerisches Erlebnis. Positive Erfahrungen am Familientisch stärken langfristig die Freude an vielfältigen Lebensmitteln (Birch & Fisher, 1998).
Bedürfnisorientierte Ernährung schützt das Recht auf Genuss, Vielfalt und eigene Entscheidungen – ohne Schuld, Scham oder Moralisierung.
Statt rigider Kontrolle wird Flexibilität gefördert: Ein entspannter Umgang mit Lebensmitteln schützt nachweislich besser vor gestörtem Essverhalten als restriktive Ansätze.
Damit wird auf folgende Bedürfnisse Rücksicht genommen: Autonomie, Freude und Wohlbefinden
5. Verantwortung und Nachhaltigkeit achtsam integrieren
Bedürfnisorientierte Ernährung kann auch Aspekte wie Umweltbewusstsein, Nachhaltigkeit und ethische Überlegungen (z. B. vegetarische oder vegane Ernährung) integrieren – sofern sie den eigenen Bedürfnissen entsprechen und ohne daraus eine Erwartung an andere abzuleiten.
Nachhaltige Ernährungsweisen, wie sie etwa im Konzept der Planetary Health Diet beschrieben sind (Willett et al., 2019), können auch Kindern früh und kindgerecht vermittelt werden. Entscheidend ist dabei eine Haltung ohne Druck oder Moralisierung. Ein übermäßiger Fokus auf „richtige“ oder „falsche“ Ernährung kann – insbesondere in sensiblen Entwicklungsphasen – zu Spannung, Unsicherheit, Schuld- oder Schamgefühlen oder gestörtem Essverhalten führen (vgl. Birch & Fisher, 1998 & Davison, 2003).
Wir alle (Eltern, Gesellschaft, Institutionen,...) tragen die Verantwortung für eine gesundheitsförderliche, abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung der nächsten Generation.
Dabei ist wichtig, auch den mentalen Druck zu thematisieren, der mit dieser Verantwortung oft einhergeht. Viele Eltern – besonders Mütter – tragen die tägliche Last, zwischen gesunder Ernährung, Nachhaltigkeit, Zeitdruck und kindlichen Bedürfnissen zu jonglieren. Die Ansprüche, alles „richtig“ machen zu müssen, können überwältigend werden.
Bedürfnisorientierte Ernährung steht deshalb auch für mehr Selbstmitgefühl, realistische Erwartungen und eine klare Botschaft: Verantwortung ja – aber nicht auf Kosten deiner psychischen Gesundheit.
Deshalb ist BOE deshalb auch stets ressourcenorientiert: jeder leistet das, was er gerade im Kontext der individuellen Lebensrealität imstande ist, leisten zu können.
Es geht hier also nicht um perfekten Lösungen, sondern tragfähige, menschliche Wege.
Damit wird auf folgende Bedürfnisse Rücksicht genommen: Sinn & Orientierung, Konsistenz und Zugehörigkeit
Die Vorteile der Aspekte, die in der Bedürfnisorientierten Ernährung berücksichtigt werden:
Die Forschung zeigt, dass eine flexible und achtsame Ernährungsweise viele Vorteile hat:
Sie fördert eine gesunde Beziehung zum Essen
Sie reduziert den Diätdruck und kann Essstörungen vorbeugen
Sie unterstützt eine positive Vorbildfunktion für Kinder
Sie führt langfristig zu mehr Energie und Lebensfreude durch ein entspanntes Essverhalten
Die Prinzipien der intuitiven Ernährung harmonieren perfekt mit den Ansätzen und Werten der Bedürfnisorientierten Ernährung.
Bedürfnisorientierte Ernährung ist kein kurzfristiger Trend, sondern es sind nachhaltige Werte, die Orientierung bieten, um ein langfristig positives Verhältnis zum Essen zu entwickeln.
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Für Familienberater*innen:
Wissenschaftliche Fundierung der bedürfnisorientierten Ernährung
Die bedürfnisorientierte Ernährung stützt sich u.a. auf Erkenntnisse aus
Bindungstheorie (Ainsworth et al., 1978)
Intuitiver Ernährung (Tribole & Resch, 2020; Tylka et al., 2014)
Interozeption und Embodiment (Craig, 2002; Herbert et al., 2013)
Kindlicher Entwicklung und Ernährungserziehung (Birch & Fisher, 1998)
Public Health und Gewichtsdiskriminierung (Puhl & Latner, 2007; Bacon & Aphramor, 2011)
Literaturverweis
Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E., & Wall, S. (1978). Patterns of attachment: A psychological study of the strange situation. Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum
Bacon, L., & Aphramor, L. (2011). Weight science: Evaluating the evidence for a paradigm shift. Nutrition Journal, 10, 9. https://doi.org/10.1186/1475-2891-10-9Associates.
Birch, L. L., & Fisher, J. O. (1998). Development of eating behaviors among children and adolescents. Pediatrics, 101(Supplement 2), 539–549. https://doi.org/10.1542/peds.101.3.S1.539
Birch, L. L., Fisher, J. O., & Davison, K. K. (2003). Learning to overeat: Maternal use of restrictive feeding practices promotes girls’ eating in the absence of hunger. The American Journal of Clinical Nutrition, 78(2), 215–220. https://doi.org/10.1093/ajcn/78.2.215
Barlösius, E. (2019). Soziologie der Ernährung: Eine Einführung in zentrale Themenbereiche. Springer VS.
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